Julia Weiteder-Varga
Bin 1943 in Budapest (UNGARN) geboren, nach Abitur und Ausbildung zur Grafikerin und Schaufenstergestalterin, langjährige Tätigkeit als Ausstellungsmacherin und Grafikerin. 1980 Übersiedlung nach Deutschland, seit 1986 schreibe ich auch in deutscher Sprache. Erster Gedichtband „STATT WORTCONTAINER“ Vlinder op’tS Verlag in 1991.
Zahlreiche Lesungen im Kreis Aachen und Frankfurt, Teilnahme am Literaturfestival „Leselust am Lousberg“ und an der „Tage der Poesie“ in Würselen. Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern z.B. im Ludwig-Forum. Publikationen in diverse Literatur Zeitschriften und Anthologien (auch in Ungarn), 2004 Gedichtband „SCHERBENNACHT“, Rimbaud Verlag.
Bis meinem Umzug in 2010 nach Bedburg war ich Mitglied des Literaturbüros in der Euregio Maas- Rhein e. V. in Aachen.
DIE BEWEGUNG MEINER GRENZEN
Bis der Stuhl aus der Ecke herauswächst
und die graue Mauer Rot wird bis
die grünen Blätter mein Zimmer überströmen
bis dieses Bild in mir zittert in der aufgewärmten
Luft zwischen zwei flatternden Fensterflügeln
bis dahin und davor
hinter meinen geschlossenen Lidern
bewahre ich dies für immer in meinem Gedächtnis
bis der Walnussbaum von sich umkippt
bis dahin halten die Bilder in mir die Welt aufrecht
bis dann wenn am Ende der ganze Baum mit vollem Laub
auf die Erde stürzt
DIE AUSBREITUNG MEINER GRENZEN
Mein Blick rutscht an der Messerschneide weg
Sie anzuschauen braucht große Kühnheit
Doch diese Erfahrung ist gar nicht so wichtig
Vielleicht mein Alter ist es das mich so neugierig macht
Nur auf meinen eigenen Wunsch möchte ich meine Stadt
in eine schmale Linie zusammenpressen
meine Gedanken zu einem Punkt schrumpfen lassen
dass diese mächtigen Begriffe über Endlosigkeit und Zeit
in meiner Hand genug Platz finden könnten
dass die Schere meine Finger seien die mit meinen Haare
auch meine Kraft wegschneiden würden
und ich wünsche mir dass ich darüber lachen könnte
weil ich spüre dass meine Kraft widerstandslos
erneut wächst
DIE GRENZEN MEINER BEWEGUNG
Mit meiner blau gewordenen Haut taste ich die Kälte ab
Dieselbe Sonne die auf das Eis blinzelt
wie auf das Wasser
Mittags
sammelt sich Schweiß auf meiner Stirn
dieselbe Sonne
dieselbe Bewegung dieselbe Rotation der Erde
immer nur nach Osten es wird mir nie langweilig
ich fürchte nur dass dieser große Flug und
diese schnelle Drehung mich einmal verlieren werden
MIRROR
(Gustav Klimt 1862-1918)
Was glänzt wie Gold
zwingt müde Farben zu zittern
Die schöne Haut der Welt
zeigt sich in vergoldeten Plättchen
Der tiefschwarze Rand am Bauch
des gezähmten Panthers
verfeinert das Fell
Versteift im Glied
hockt mit lackierten Nägeln
der Kinderaffe im Schoß
Die Regung erfriert zwischen
geschliffenen Gläsern
Zeitlos dreht sich die Zeit im Qualm
betäubt sind die ungeweckten Blicke
schleudern laufend Brocken
von zerschlagenen Bildern auf die Spiegel
Im Café in Glanz Satin und Edelspitze
gehüllt sammeln sich bekannte Gestalten
Tonet Stühle werden gerückt und
Süßes verspeist Das Geschwätz
Springt leicht über die dünnbeinigen
Tische Der Staub atmet
Schwarzgold in den überladenen
Räumen Hinter den verzierten
Bilderrahmen an der Seidenwandtapete
wohnt im ewigen Dämmerlicht
der arglistige Schatten
UNSCHÄRFE
Es bricht nicht aus
Das Beben deiner Rippen
bleibt ohne Bewegung
Die schwarzen Nester vertiefen sich
unter deiner Haut
Reihe haltloser Worte
Sonnenlicht unbegreiflich
Manche Tage
bewundere ich den zerschlagenen Taubenflug
an der Windhose jammernder Himmel
Der Klang deiner Stimme
folgt dem Vogelgesang in der Ferne
Heute überall Verwesungskälte
Eiswasser läuft in den Hirnwindungen
Der verglimmende Tag löscht sich aus
Andere Tage
brennende Farben breiten sich aus
Der weiße Verband ist mit Rot getränkt
Gelb bläst die Haut auf Von innerem Ruß
geschwärzte Atemluft strömt zwischen den Lippen
Wärmewunsch wächst
Fristlose Stille breitet sich aus
Den rollenden Steinschlag in deinem Kopf
hört niemand
Bestimmte Tage
Hohlräume wachsen bis nach Asien
Lichte Punkte in Eile
Bildschirm spricht mit bekanntem Gesicht
Gespannt sieht sich alles Bewegliche an
In demselben Moment Sagen und Hören
über Kontinente
Gerade jetzt
eine verwirrte Motte flattert sich
zu Tode in der Nacht um das kleine Licht
Fenster schließen
Bildschirm schließen
Mich schließen
Dich in mir einschließen
Flattern flattern
Dunkle Schärfe in Sicht
GLÜCK
Der Fall
als Licht
aus der Sonne
auf meine Haut
Die Farbe
der Wörter
die ich in mir
trage
Mein Fall
ins Wasser
als Lebende
ins Lebende
Der Ort
der mich als
schwimmende
Elfe erduldet
und am Rande
der Nacht mich
ins Honigbett
versenkt
ROTER LENDENSCHMERZ
(Selbstportrait von Egon Schiele 1890-1918)
Nervöse Linien schneiden ins Fleisch
zeichnen rötende Schmerzgrenzen an der Brust
Er selbst halb nackt im Bild
mit der Ahnung klaffender Entfernungen
in den Augen giftige schwarze Nester vertiefen
sich rasch unter der Haut
Der Körper meidet Süßes
und Salziges nur die Luft zehrt
an den dünnen Eingeweiden
Das wirre Haar ist ein geeignetes
Versteck für Gänsehaut und anregende
Gedanken wildes dunkles Gebüsch
verwachsener Zellen über blinden Schädel gelagert
Die Hände den Kopf haltend sind er selbst
der nie anwesend ist der sich permanent stiehlt
in quälende Rituale flüchtet
Er ist Askese gewöhnt
auf kraftlosen Widerstand gegen unwichtige
Gewohnheiten auf lähmende Stille
die den Staub zwischen den einsamen Fingern
herabrieseln lässt er hüllt sich in ätzenden Essig
getauchtes rotes Laken und lässt die Farben
auf seinem Körper mit Schmerzgenuss ausbleichen
SALZ IM MUND
Das Flattern des leichten Chiffons
vor dem Fenster
Geöffneter heller Morgen
Die Luftströmung; warm wie Blut
Neue Erkenntnisse ruhen ermattet
auf der Haut Zwischen Kopf und
Füßen liegt eingeschlafener Friede
Die Einfachheit des Atems in der Brust
Genügsamkeit in dem gekräuselten Laken
Der gebrechliche Körper belauscht sich
Nur die Wortlosigkeit der Wellen im Ohr
Draußen zieht eine feine Brise
über das Meer schweigende Gänsehaut
Neu in dem neuen Tag ist die überraschende Leere
Am Schädel die drückende Füllung des Kissens
An der Wand die Gleichgültigkeit des Zifferblatts
In die gestrigen Blicke geklebt liegen die ruhigen
Routen der Schiffe Der wachsame Weg
zum Wasser entblößt die Spuren im Sand
Betäubt von den launischen Farben
erholt sich langsam die salzige Luft
und der lahme Mund stottert
ein Märchen für die Fische
bevor der voreilig redende
Tag erwacht
KÖRPERLAND
Dieses Weiß könnte sogar Schnee sein
in deinem Haar doch es ist Sommer
Vielleicht die Jahre sind es die von innen
die einzelnen Fäden färben
Weiß ist darin das Gedächtnis
Hartnäckig wie das Silber den Glanz
halten sie deine gesammelte Zeit gefangen
























